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Liebe in Zeiten des Spätkapitalismus


Einleitend sei gesagt, dass meine Haupt-Informationsquelle für diesen Beitrag mir auch privat in vielerlei Hinsichten die Augen geöffnet hat. „Warum Liebe endet von Eva Illouz“ klingt zunächst wie ein furchtbarer Liebesroman oder Ratgeber, aber ist wohl eines der besten Sachbücher, das ich 2019 gelesen habe. Mehrere Jahre schon beschäftigt sich Eva Illouz mit der Frage, wie die Kultur der Moderne und insbesondere der heutige Konsumkapitalismus unser Gefühls- und Liebesleben transformiert haben.[1] Bei weiterem Interesse, empfehle ich wärmstens, dieses Buch und auch ihre vorherigen Bücher dieser Reihe auszuleihen oder zu kaufen. 

„Fast Romances“ als Irreführung

Gelegenheitssex und One Night Stands. Illouz merkt an, dass die rasche Fluktuation der Partner*innen die Fähigkeit oder den Wunsch impliziert, auf kurze Sicht zu investieren, keine Zeit zu verschwenden, den Produktionszweig schnell zu wechseln und den Wert einer Beziehung geschwind im Kopf zu überschlagen. Man könnte dies auch mit Fast Food vergleichen: eine kurzfristige innere Befriedigung und schnelle Stillung des Hungergefühls bringen ein ebenso kurzes Sättigungsgefühl mit sich.

In ihrem Sachbuch erklärt sie, dass das ständige eingehen und lösen von Beziehungen eine Unsicherheit in uns auslöst, die das Vertrauen in die Stabilität einer langfristigen sozialen Bindung zerrüttet. Das Auflösen von kurzweiligen Beziehungen und die Anhäufung von Trennungen können zu Minderwertigkeitsgefühlen oder Depressionen führen. 

Eva Illouz schreibt, dass ein Beziehungsende sehr oft eine gravierende seelische Erfahrung ist, die im Auslebenunserer heutzutage hochgradig sexualisierten und emotional flüchtigen Beziehungen häufig auf die leichte Schulter genommen wird.[2]

Konsum und Beziehungen

Was hat die Zunahme von One-Night-Stands, polygamen Beziehungsformen und flüchtigen Bekanntschaften mit dem Kapitalismus zu tun? 

Für die Recherche ihres Buches führte Eva Illouz einige Interviews mit Personen aus westlichen Schichten, welche sie auch immer wieder als Beispiele zur Erklärung ihrer Thesen miteinbringt. Sie begründet daraus schließend das schnelle Wechseln der Partner*innen mit dem Wunsch oder der Fähigkeit, auf kurze Zeit investieren und keine Minute verschwenden zu wollen. Dies biete eine Möglichkeit, schnell viele unterschiedliche Erfahrungen zu sammeln, zu konsumieren und im Fall eines One Night Stands, die anwesenden Körper als Transaktionsbeteiligte wahrzunehmen. Dabei ist die Tauschwährung meist orgastische Lust. 

Die Konsumkultur der Schichten des Westens überträgt sich so also auf unsere Beziehungen. Somit verhält sich jeder Mensch wie ein Konsument gegenüber seines*ihres Nächsten. Überspitzt gesagt: man kaufe neu und schmeiße weg, sobald man sich mit dem Objekt seiner Begierde langweile, was sich natürlich auch auf Tinder oder andere Partnter*innenvermittlungsbörsen übertragen lässt.

Eine Abwahl der Beziehung zur Selbstverwirklichung

Psychotherapeutische Maßnahmen haben insbesondere Frauen in der Freiheit bestärkt, sich gegen Beziehungen entscheiden zu können, was natürlich einerseits als positive Entwicklung des Geschlechterungleichgewichts angesehen werden kann, aber genauso zu schnelleren, radikalen Trennungen führt.

Laut Illouz leben wir in einer Zeit, in der Emotionen einen höheren normativen Stellenwert als das eigene soziale Umfeld erreicht haben. Der große Warenmarkt steuert diese Entwicklung indem er vorgibt, emotionale Empfindungen zu befriedigen. Zudem sind Autonomie und Selbstbehauptung Teil der weiblichen Identitätsbildung geworden, was mitunter begründet, warum sich Frauen heutzutage häufiger trennen als Männer. Eva Illouz bezieht also Aspekte der Psychologie, der Feminismen und des Kapitalismus in ihre kritische Auseinandersetzung mit ein.

Verluste emotionaler Bindungen

Häufig bringen auch unklare Verhältnisse die eigene Gefühlslage durcheinander. Beim Geschlechtsverkehr ohne eine gesicherte Liebesbeziehung werden Schönheit, der Körper und die Leistungsfähigkeit kommodifiziert. Unsicherheiten entstehen schnell, da man in solchen Beziehungen den individuellen Wert selbst absichern muss. Wenn es von außen dahingehend keine Bestätigung gibt, Nachrichten ignoriert werden oder sich das Gegenüber mal zurückzieht, erscheint eine sofortige Trennung häufig einfacher. Illouz begründet einen solchen schnellen Rückzug mit den oben genannten Argumenten und einer Angst vor der Verletzung des Selbstwertgefühls. Aber nicht nur Beziehungsangst führt zum Beenden einer entstehenden Bindung oder auch zu Ghosting, sondern auch die Annahme, es gäbe unzählige Möglichkeiten, weitere Sexualpartner*innen aufzutreiben. Wie die Autorin sagt: Das Überangebot einer Ware senkt den Wert der Ware. So ist es leider auch mit Menschen.

Unabhängigkeit und Konsumverhalten

So schließt sich also der Kreis und es lässt sich ein Konsumverhalten auch in Beziehungen erkennen. Das Streben nach Unabhängigkeit, die große Auswahl, die vielen Möglichkeiten, besonders Frauen als Leidtragende der gleichermaßen sexualisierten wie sexuell befreiten Kultur. Der Kapitalismus beeinflusst also das Lieben und Entlieben der heutigen Gesellschaft. 

Ich hoffe, ich konnte mit diesem Beitrag einige wichtige Aspekte des Buches klar darstellen und vielleicht auch ein wenig zum Nachdenken anregen.


[1] https://www.suhrkamp.de/buecher/warum_liebe_endet-eva_illouz_58723.html

[2] https://www.deutschlandfunk.de/eva-illouz-warum-liebe-endet-wenn-partnerschaften-scheitern.700.de.html?dram:article_id=442331

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