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00.25 Uhr

Schreiben, um Gefühle und Gedanken in Worte zu fassen, um sie einem Muster zuzuordnen oder neue Strukturen zu schaffen. 

Während AKK „Alarmzeichen“ zu spät erkennt, widme ich mich seit einigen Wochen mal wieder meiner Website. Ich stelle fest, dass ich mich mit vielen Texten aus der Vergangenheit heute nicht mehr identifizieren kann und lösche Zeilen. 

9.45 Uhr, wir starten fruchtig in den Unitag, heute mit bereits erlernten Techniken zur Untersuchung einer Hüftarthrose-Patientin, welche wir aber schon längst wieder vergessen haben. Du zwinkerst mir zu, weil der Dozent wieder mal vergessen hat zu gendern und du weißt, was in meinem Kopf vorgeht. Ich werfe dir einen kurzen Blick zu, verdrehe die Augen, wir lachen laut.  Ein gewöhnlicher Wochentag. So etwas gibt es an unserer Uni nicht, wir laufen den Gang entlang und lassen die letzten Monate Revue passieren. Du nimmst meine Hand: „Kaffee?“ 

Zuhause, Angst überkommt mich. Diese Angst fühlt sich so irrational, so ungreifbar, aber auch so nah an.

Was ich schon alles erlebt habe, denke ich mir. Wen ich schon verletzt habe, werfe ich mir vor. Wie ich mit Angst umgehe, frage ich mich. Seit nun mehr als 5 Jahren bespreche ich regelmäßig meine Ängste mit meiner Therapeutin und versuche einen Weg zu finden damit umzugehen, manchmal gelingt es mir gut, manchmal eben nicht.

Sind Ängste denn wirklich so oft unbegründet? Heute auf der Arbeit meinte jemand zu mir, dass es „mentale Stärke“ wäre, die einen im Leben voranbringt, leiden ist zu einfach – was meinte diese Person damit? 

Ich versuche mir ein Bild von Stärke zu machen:

Du, weinend in meinen Armen mit Tee und Schokolade. Oder du, immer noch am Telefonieren, weil du auch nach der 40. Absage für einen Therapieplatz nicht aufgibst. Du, wie du nach der Trennung wieder aufstehst, dir neue Hobbies suchst und nun durchs Leben tanzt. Du, wie du trotz der Bauchschmerzen, die dich seit ihrem Tod täglich begleiten nicht aufgibst. Du, wie du 12 Stunden Dienste hinter dich bringst, nur weil das Gesundheitssystem in Österreich den Arbeitskräftemangel nicht unter Kontrolle bekommt. Du, wie deine unendliche Liebe mein Herz erfüllt. Du, wie du nach all dem was war, immer noch vor mir stehst und sagst, dass es okay ist, weil es menschlich ist. Du, wie du nun alleine, ohne mich durchs Leben schreitest und einen neuen Lebensweg eingeschlagen hast. Du, wie du mich in all meinen noch so kuriosen Ideen unterstützt, mir aus kilometerweiter Entfernung sagst, dass du nur willst, dass es mir gut geht.

Wenn mich die Angst überkommt, suche ich nach Lösungen. Radikal wie ich bin, werfe ich dann meistens mein gesamtes Lebenskonzept einmal über den Haufen, löse mich von Beziehungen und Freundschaften und versuche wieder und wieder neu zu starten, um Vergangenes zu verdrängen, um das Schöne neu erleben zu dürfen. Keine schlaue Strategie, denke ich. Wenn Vergangenes vergessen und verdrängt wird, fällt das Voranschreiten im Leben doch nicht leichter, oder?

Nicht mit dir, du bist anders, wir sind anders.

Schwere Gedanken um 00:25 Uhr, aber wie soll man sich um diese Uhrzeit auch auf das Urogenitalsystem oder Leberkarzinome konzentrieren?

Meine Wohnung ist fast leergeräumt. Morgen wird ein schöner Tag, ich freue mich auf deine liebevollen Augen.