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Geschlechtsoption: Divers

Gesetzeslage Deutschland

Neben weiblich, männlich und der Option, den Eintrag des Geschlechts offen zu lassen gibt es in Deutschland seit dem 22. Dezember 2018 die Möglichkeit, das Geschlecht divers im Personenstandsregister eintragen zu lassen. Die Option bezieht sich auf eine nichtbinäre Geschlechteridentität, auch Intersexualität genannt.[1]

Der §22, Absatz 3 des Personenstandsgesetzes (PStGs) schließt damit alle Personen ein, deren Geschlecht bei der Geburt rechtlich offengelassen wurde und diejenigen, die sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zuordnen.

In Deutschland werden jährlich rund 150 intergeschlechtliche Menschen zur Welt gebracht. 

Für Eltern besteht nach wie vor die Möglichkeit, bei der Geburt über das Geschlecht ihres Kindes zu bestimmen, weshalb zudem die Geschlechter weiblich oder männlich ausgewählt werden können.[2]

Wird der Geschlechtereintrag rechtlich geändert, muss von der betroffenen Person eine Erklärung und ein ärztliches Attest vorliegen (PStG §45b). Zweiteres soll bestätigen, dass eine “Variante der Geschlechtsentwicklung“ vorliegt. Kinder unter 14 Jahren benötigen eine Erklärung der Eltern, Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren müssen eigenständig eine Erklärung verfassen, die Änderung im Register kann jedoch nur mit Zustimmung der Eltern geschehen. Verweigern diese den gewünschten Geschlechtereintrag, entscheiden Familiengerichte.[3]

Ausnahmefälle

In Ausnahmefällen kann ohne ein Attest und mit einer eidesstaatlichen Versicherung eine Geschlechteränderung im Register vollzogen werden.[4] Einer dieser Ausnahmefälle ist, wenn kurz nach der Geburt eine geschlechtszuweisende Operation vollzogen worden ist, es aber keinen Nachweis dafür gibt. Für viele Menschen ist eine nachträgliche Untersuchung unzumutbar.

Reisepass und Meldebescheinigung

Das deutsche Passgesetz ersetzt die Geschlechtsbezeichnung divers im Reisepass bisher mit einem X. Das Bundesmeldeamt hat noch keine ausdrückliche Regelung für diversgeschlechtliche Personen vorgesehen. 

Poltische Diskussion

Grüne, Linke und die FDP fordern eine Unterlassung des ärztlichen Gutachtens für intergeschlechtliche Menschen und somit eine Überarbeitung des Gesetzes. Zudem kritisieren Linke und Grüne den fehlenden Zugang transgeschlechtlicher Personen, welche sich ihrem bei der Geburt aufgrund von äußeren Geschlechtsmerkmalen zugewiesenem Geschlecht nicht zugehörig fühlen.

Die AfD lehnt das Gesetz mit der Begründung ab, dass das Geschlecht „ein objektiver Sachverhalt“ sei und nun zu einer „persönlichen Empfindlichkeit“ werde.

Der deutsche Lesben- und Schwulenverband (LSVD) merkt an, dass das Gesetz Intersexualität zu sehr auf körperliche Abweichungen reduziert wird und psychische und soziale Faktoren Großteiles ausgelassen werden.

Der Bundesverband intersexueller Menschen in Deutschland sieht in der Einführung des Gesetzes einen ersten Fortschritt, fordert aber ein Verbot genitalzuweisender Operationen, welches bislang unberührt geblieben ist.[5]

Einschub: Genitaloperationen bei Kindern

Die Zahl der kosmetischen Genitaloperationen bei Kindern unter zehn Jahren ist seit 2005 fast konstant geblieben, sogar ein wenig angestiegen, so eine Studie der Universität Bochum.

2016 wurden 2.079 feminisierende und maskulinisierende chirurgische Eingriffe vollzogen, im Jahr zuvor waren es noch 170 weniger. Im gesamten Untersuchungszeitraum wurden im Durchschnitt jährlich 1871 Operationen durchgeführt. Bei solchen Eingriffen werden zum Beispiel Keimdrüsen entfernt, die Klitoris amputiert oder in anderen Fällen eine künstliche Vulva hergestellt.

Autor*innen der Studie kritisieren, dass geschlechtszuweisende Operationen oft durchgeführt werden, obwohl keine medizinische Notwendigkeit dafür vorliegt. Meist sollen sie die „Verunsicherung und soziale Beschämung der Eltern und Kinder“ vorbeugen.

Normangleichende Operationen an Genitalien von Kindern in nichteinwilligungsfähigem Alter werden als menschenrechtsverletzend kritisiert.[6]

Anmerkung zum Schluss

Für diesen Artikel wurden hauptsächlich Informationen zur Gesetzesänderung recherchiert. Sollten Begriffe der Intersexualität oder Transsexualität falsch verwendet worden sein, bitte ich um Hinweise. Dieser Beitrag soll keine Geschlechtergruppen diskriminieren, er dient 


[1]https://www.duden.de/rechtschreibung/divers

[2]https://www.gesetze-im-internet.de/pstg/__22.html

[3]https://www.zeit.de/gesellschaft/2019-01/drittes-geschlecht-identitaet-zuordnung-auswirkungen-gesetz-faq#worum-geht-es-bei-dem-gesetz

[4]https://www.gesetze-im-internet.de/pstg/__45b.html

[5]https://www.zeit.de/gesellschaft/2019-01/drittes-geschlecht-identitaet-zuordnung-auswirkungen-gesetz-faq#welche-kritik-gibt-es

[6]https://omp.ub.rub.de/index.php/RUB/catalog/book/113

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Frauenbewegung in Deutschland – Teil 2


NS-Zeit

Auch in der Zeit des Nationalsozialismus stand die Berufsfähigkeit der Frau außer Frage. Angesehen waren deutsche Frauen, die viele Kinder bekamen und diese streng nach nationalistischen Vorgaben erzogen. Es wurde Wert auf die Erziehung „arischer Kinder“ gelegt, ab 1933 konnten Frauen die als „erbkrank“ oder „asozial“ angesehen waren, zwangssterilisert werden. Verheiratete Frauen durften nicht mehr arbeiten, die Ehe war die einzige Versorgungsstruktur. Auch unverheiratete Frauen wurden nach und nach aus dem Beamtendienst entlassen, nur noch 10% aller Studierenden waren Frauen.

Frauen wurden mit Beginn des Krieges gebraucht und ausgebeutet. Es gab die ersten „Frauenkonzentrationslager“, sexuelle Belästigung und Vergewaltigungen wurden alltäglich.

Nachkriegszeit

Der zweite Weltkrieg forderte zahlreiche Opfer. In Deutschland lebten kurz nach dem Krieg sieben Millionen mehr Frauen als Männer. Zunächst waren hauptsächlich diese für den Wiederaufbau Deutschlands verantwortlich, bis Kriegsgefangene entlassen wurden, welche Frauen aus den Versorgerrollen drängten. Das Leid der in den Krieg gezogenen Männer stand im Vordergrund, Frauen waren für den Haushalt und die Kindeserziehung verantwortlich.[1]1949 wurde die Gleichberechtigung für Frauen und Männer im Grundgesetz der CDU verankert.[2]

Zaghaft kamen neue Frauenrechtsbewegungen zusammen, aus Angst vor Faschismus, aus Angst vor einem erneuten Kriegsausbruch.

Die Neue Frauenbewegung

In den 1960er Jahren erlaubte der Zugang zur Pille zunächst große Hoffnung auf mehr Freiheit für Frauen, wurde aber schnell zur größeren sexuellen Verfügbarkeit der Frau für den Mann. Mit der Formation der Studierendenbewegung sammelten sich immer mehr Frauen zusammen, die anfangs jedoch auch dort auf patriarchale und sexistische Sichtweisen stießen. Kinderbetreuung oder Reden von Frauen wurden belächelt bis sich 1968 in West-Berlin der Aktionsrat zur Befreiung der Frau zusammenschloss. Weiberräte, Frauenläden und Frauengesprächsgruppen wurden gegründet. Sogenannte Frauenräume schufen Raum für Aufklärung über die gesellschaftliche Stellung der Frau. Kritik am Patriarchat und die Bereitschaft zu radikalem Widerstand hatten erstmals Platz. Simone de Beauvoir war eine wichtige Schriftstellerin dieser Zeit.

1968 protestierten viele Menschen gegen den §218 und kämpften so für die Legalisierung der Abtreibung – vergeblich. Es gab allerdings erste Sonderregelungen, Frauenhäuser wurden errichtet, Gewalt in der Ehe und sexuelle Übergriffe waren erstmals politisch.

In den 1980er Jahren kam es zu Veränderungen in der Frauenbewegung in Deutschland. Für den Staat und Unternehmen war Frauenförderung immer wichtiger. Gesellschaftliche Rechte und die Kritik an Prostitution und Pornografie wurden erstmals anerkannt.

In den 1990er Jahren gab es nochmals einen Umschwung in der Frauenbewegung. Dank Judith Butler wurde das Thema „Gender Trouble“ diskutiert, die neue Frauenbewegung inkludierte jeden/jede der/die sich als Frau fühlte. Der neue sexpositive und liberale Feminismus brachte allerdings auch Gegenwind mit sich. Die ersten antifeministischen Bewegungen diskriminierten Frauen, sie sich für Frauenrechte engagierten, Lesben wurden beleidigt.

Pornografie und Prostitution verstanden mitunter Feministinnen der liberalen Frauenbewegung als Form der sexuellen Freiheit.

Über radikalen Feminismus, der eben genannte Bereiche kritisierte, sagte man er sei sexfeindlich, auch wenn mannfokussierter Sex bestimmt keine Befreiung für die Frau darstellte. 

Die Spaltung zwischen dem liberalen und radikalen Feminismus ist auch heute vor allem im Netz klar zu erkennen.[3] Dass das Patriarchat noch immer dominiert, zeigte zum Beispiel die Debatte um Harvey Weinstein vor wenigen Jahren, sowie Unmengen weiterer Fälle von sexueller Gewalt und Übergriffigkeit. Die Belästigung von Frauen und die Vertuschung davon werden häufig nicht aufgedeckt.

Die geschlechterungleiche Bezahlung oder die Diskriminierung am Arbeitsplatz, sowie viele andere wichtige Bereiche der Frauenbewegung wurden in diesem Artikel nicht ausreichend behandelt.

Zwei Buchempfehlungen die ich hier noch anbringen möchte:


[1]https://diestoerenfriedas.de/die-geschichte-der-frauenbewegung-deutschland/

[2]http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/271712/gleichberechtigung

[3]https://diestoerenfriedas.de/die-geschichte-der-frauenbewegung-deutschland/

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Frauenbewegung in Deutschland – Teil 1

Industrialisierung

Die Industrialisierung war für die erstmalige Unterscheidung zwischen Haus- und Lohnarbeit verantwortlich. Menschen, die keinen Besitz hatten, mussten arbeiten gehen. Zunächst wurden Frauen für Hausarbeit und Kinderbetreuung eingesetzt, später erstmals als Arbeitskräfte gebraucht und vor allem auch missbraucht. Niedrigere Löhne, 12-14-Stunden-Dienste und nur wenige Urlaubstage im Jahr führten dazu, dass Kinder teilweise schon ab dem 4. Lebensjahr arbeiteten und Frauen sich zusätzlich prostituierten. Für Arbeiter*innen war der Alltag kaum erträglich. Auch Frauen aus bürgerlichen Verhältnissen nahmen eine neue Rolle ein. Sie waren nun Konsument*innen der kapitalistischen Gesellschaft, dennoch wurde auch ihnen der Zugang zu Bildung verwehrt. Frauen durften zwar als Lehrer*innen arbeiten, hatten allerdings keine Möglichkeit einen Schulabschluss oder ein weiterführendes Studium abzuschließen.

Im 19. Jahrhundert argumentierten Männer „wissenschaftlich“, dass Frauen aufgrund der Größe ihres Gehirns dazu gar nicht in der Lage gewesen wären.[1]

Zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts

Die erste revolutionäre Frauenbewegung in Deutschland entstand um 1848 mit Louise Otto-Peters, als in Ländern wie Frankreich oder Großbritannien bereits Frauenrechte umgesetzt worden waren. Sie plädierte gemeinsam mit Auguste Schmidt und Henriette Goldschmied für das Frauenwahlrecht, sowie für das Recht der Frauen auf Arbeit und Bildung. [2]

Zu dieser Zeit gab es die ersten Frauenvereine in Deutschland, kurz nach der Gründung der Union für Arbeiterinnen in Frankreich. Diese stellten jedoch bald fest, dass daraus entstehende Konflikte mit Männern unumgänglich waren. Frauen, die für ihre Rechte kämpften, galten als vulgär und unanständig.

1865 begründete der Allgemeine Deutsche Frauenbund (ADF) die bürgerliche Frauenbewegung in Deutschland. Diese lehnte das Frauenwahlrecht ab und setzte sich hauptsächlich für das Bildungs- und Arbeitsrecht deutscher Frauen ein, um so Unabhängigkeit und Selbstständigkeit zu erlangen. Die proletarische Frauenbewegung war enger mit der Arbeiter*innenbewegung verknüpft und forderte radikalere Veränderungen.

1871 wurden erstmals die §218 und §219 erlassen, mehr dazu in dem Beitrag zur Abtreibung in Deutschland.

August Bebel setzte sich damals für Gleichberechtigung ein und forderte Solidarität für Frauen. Damit legte er die Grundlage für die marxistische Emanzipationstheorie, die den Kapitalismus und das Privateigentum als Ursprung allen Übels ausmachte, das Patriarchat als solches jedoch nicht erkannte oder kritisierte.

Nach der Absetzung der Sozialistengesetze (1890) kämpften unterschiedliche aus der proletarischen und bürgerlichen Bewegung Arbeiterinnenvereine für bessere Arbeitsbedingungen und den gleichen Lohn für Frauen und Männer ein. Der Bund deutscher Frauenvereine (BdF) galt als Dachorganisation bürgerlicher Frauenvereine.

Der erste Weltkrieg

Kurz vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs, wurde Frauen der Zugang zu Universitäten erlaubt. Damals gab es drei große Flügel in der Frauenbewegung: der radikale Flügel, der für vollständige Gleichberechtigung kämpfte, der gemäßigte und der konservative Flügel, die beide für Arbeits- und Weiterbildungsrecht kämpften, aber grundlegende gesellschaftliche Veränderungen ablehnten.[3]

Die Frauenbewegung blieb auch zur Zeit des ersten Weltkriegs gespalten. Während die meisten Frauen in Versorgungsstrukturen tätig waren und die Frauenbewegung quasi einstellten, kämpften radikale Frauenrechtlerinnen wie Minna Cauer, Clara Zetkin, Emma Ihrer und Lida Gustava Heymann gegen die reglementierte Prostitution von Frauen und für Gleichberechtigung als Teil der proletarischen Frauenbewegung. Sie lehnten den Krieg ab und engagierten sich als Pazifistinnen.[4]Clara Zetkin und Rosa Luxemburg wurden im ersten Weltkrieg inhaftiert. Die proletarische Frauenbewegung wurde als Bedrohung wahrgenommen.

Weimarer Republik

1918 wurde in der Weimarer Republik das allgemeine Frauenwahlrecht in Deutschland eingeführt. An der ersten Wahl am 19. Januar waren 82 Prozent der deutschen Frauen beteiligt.[5]Hedwig Dohm war eine der wichtigsten feministischen Theoretikerinnen dieser Zeit.[6]

Die Nachkriegszeit brachte allerdings auch viele Hürden mit sich: ein plötzlicher Frauenüberschuss aufgrund der gefallenen Soldaten, wodurch es viele alleinerziehende Mütter und entlassene Arbeiterinnen aus der Rüstungsindustrie gab, erschwerte die Situation für Frauen. Helene Stöcker setzte sich damals gemeinsam mit Lida Gustava Heymann für den Zugang zu Verhütungsmitteln ein, der von der bürgerlichen Frauenbewegung strikt abgelehnt wurde.

Clara Zetkin trat 1919 der KPD bei, welche zur zentralen Organisation der proletarischen Frauenbewegung wurde.

Zu Zeiten der Wirtschaftskrise 1929 mussten sich immer mehr Frauen aufgrund von Massenarbeitslosigkeit prostituieren. Armut, Hunger und die Angst keinen Ehemann zu finden, der sie finanziell absichern könnte veranlasste diese Frauen dazu, stümperhafte Abtreibungen durchzuführen an denen jährlich mehr als 50.000 Frauen starben. Das Volksbegehren der KPD gegen den §218 wurde größtenteils wegen der katholischen Kirche nicht weiter beachtet.

Frauenorganisationen rückten immer mehr in den Hintergrund, der Nationalsozialismus wurde von der bürgerlichen Frauenbewegung unkritisch betrachtet. Der Bund deutscher Frauen löste sich 1933 auf, es folgte der „Deutsche Frauenorden“, der die Frauenbewegung unter anderem für die Wirtschaftskrise verantwortlich machte. Er stellte eine NS-Nachfolgeorganisation dar und reduzierte das Frauenbild ausschließlich auf die Mutterschaft.[7]


[1]https://diestoerenfriedas.de/die-geschichte-der-frauenbewegung-deutschland/

[2]Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Bonn 1993, S. 15

[3]https://diestoerenfriedas.de/die-geschichte-der-frauenbewegung-deutschland/

[4] Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Bonn 1993, S. 30ff

[5]https://diestoerenfriedas.de/die-geschichte-der-frauenbewegung-deutschland/

[6]Helene Lange: Lebenserinnerungen. Im Beruf

[7]https://diestoerenfriedas.de/die-geschichte-der-frauenbewegung-deutschland/

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Gender Pay Gap in Deutschland


Begriffserklärung

Der Gender Pay Gap oder auch das geschlechtsspezifische Lohngefälle beschreibt den Gehaltsunterschied zwischen Frauen und Männern anhand des Brutto-Stundenlohns. Es wird zwischen dem bereinigten und dem unbereinigten Gender Pay Gap (GPG) unterschieden.

Der unbereinigte GPG stellt die Differenz der durchschnittlich berechneten Bruttoverdienstunterschiede zwischen den Geschlechtern dar. Es werden sowohl die Verdienste vollzeitbeschäftigter Personen als auch die von Auszubildenden, Praktikant*innen und geringfügig Beschäftigten berücksichtigt. Lohndeterminierende Faktoren, wie der Ausbildungsgrad, der Zugang zur Bildung, die Unternehmensgröße, die Region, die Frauen/Männerquote und dadurch entstehende Diskriminierung, etc. werden hierbei nicht berücksichtigt.

Der bereinigte GPG bezieht hingegen strukturelle Unterschiede wie die Berufswahl, den Bildungsstand, die Qualifikation, sowie die Berufserfahrung in die Berechnung des Verdienstunterschieds mit ein. Demnach ist der bereinigte GPG meist kleiner als der unbereinigte. Er wird seit 2006 alle 4 Jahre zur detaillierten und aktuellen Darstellung der Gehaltsunterschiede neu berechnet.[1]

GPG in Deutschland

Die Europäische Kommission veröffentlichte 2014 einen unbereinigten Gender Pay Gap von rund 16% in EU-Ländern. Dieser Wert ist ein Durchschnittswert, der GPG ist in den einzelnen Ländern unterschiedlich stark ausgeprägt, wobei Deutschland zusammen mit Österreich den höchsten GPG aufweisen. [2]

In Deutschland erschien 1993 zum ersten Mal eine empirische Studie zum GPG des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

Das Statistische Bundesamt legte 2006 einen unbereinigten Gehaltsunterschied bei Geschlechtern von rund 23% fest. Davon waren zwei Drittel auf folgende strukturelle Unterscheidungsmerkmale zwischen Frauen und Männern zurückzuführen: die Berufs- bzw. Branchenwahl, die Häufigkeit von Teilzeitarbeiterinnen und die Ausbildungswahl. Der bereinigte GPG betrug rund 8%, wobei dieser Wert ein umstrittener ist. Weitere wichtige Eigenschaften wie die Diskriminierung von Frauen in verschiedenen Berufsbranchen, hätten den bereinigten GPG vermutlich noch geringer ausfallen lassen. [3]

Daraufhin untersuchte das vom WSI[4]beauftragte Hans-Böckler-Institut 2008 die Gehaltsunterschiede von Berufsanfänger*innen in den ersten zehn Berufsjahren. 2009 wurden die Ergebnisse veröffentlicht und besonders Einflussfaktoren wie unterschiedliche Ausbildungsgrade, berufliche Unterbrechung aufgrund von Kindeserziehung, diskriminierende Behandlung von Frauen im Berufsalltag, verschiedene berufliche Präferenzen oder mangelnde Aufstiegsmöglichkeiten hervorgehoben. Daraus ergab sich ein unbereinigter GPG von 18,7% mit einer Berufserfahrung von bis zu 3 Jahren und 21,8% mit einer Berufserfahrung zwischen 4 und 10 Jahren.

Diese Studie berücksichtigte zudem den Unterschied zwischen neuen (16,2%) und alten (21,6%) Bundesländern in Deutschland. Geringer viel der GPG auch bei Akademiker*innen und promovierten Frauen aus.

Lohnunterschiede waren außerdem bei vollzeitbeschäftigten und teilzeitbeschäftigten Frauen und Männern zu erkennen, so der erste Gender Datenreport von 2005. Die Gehälter von Frauen waren in dieser Untersuchung bei einer Vollzeitstelle niedriger, sowohl in Berufen in Männer- als auch in Frauendomänen.[5]

2010 ergab eine Studie der Vereinigung der Bayrischen Wirtschaft einen unbereinigten GPG von rund 29%, was den Durchschnittswert in Deutschland damals schon erheblich überstieg.[6]Heute liegt dieser bei 24% und ist demnach immer noch höher als in anderen deutschen Bundesländern.[7]

Aktuelle Studienlage

Seit 2002 hat sich der durchschnittliche unbereinigte GPG kaum verändert. Er variierte meist zwischen 21 (2018) und 23% deutschlandweit, der bereinigte Gender Pay Gap lag zwischen 2 und 7%. Die größten Differenzen des Bruttostundenverdienstes gab es in der Studie von 2018 in freiberuflichen, technischen oder wissenschaftlichen Dienstleistungen, sowie Kunst- und Unterhaltungsprogrammen (31%). Berufe in der Bank- oder Versicherungsbranche weisen einen GPG von 28 % auf, Tätigkeiten in den Bereichen Kommunikation und Information rund 25%.

Auch Berufsfelder, die traditionell stärker von Männern vertreten sind, wie zum Beispiel Kfz-Handel, Reparaturen oder Instandhaltung von Gewerben wiesen ein relativ hoher Gender Pay Gap von 24% auf. In anderen Wirtschaftszweigen, wie unter anderem Bergbau, Abwasser- oder Abfallentsorgung und Verkehr, fiel dieser geringer aus (3-7%), wobei auch dort bis heute nur wenige Frauen vertreten sind.

Weiter Unterschiede ergaben sich in dieser Untersuchung im öffentlichen Dienst (unbereinigter GPG von 9%) und privatwirtschaftlichen Unternehmen (23%).[8]

Anmerkung zum Schluss

Der Gender Pay Gap ist ein sehr umfangreiches Thema, welches innerhalb dieses Beitrags nicht vollständig abgehandelt werden kann. Er verändert sich ständig, Studien sind schwer zu vergleichen, weil immer wieder neue Merkmale in Untersuchungen des bereinigten GPGs miteinbezogen werden, Berufsbranchen und die Frauen-/Männerquote verändern sich. Zudem wurden in diesem Artikel wichtige Aspekte wie Mutterschaft und weitere mögliche Ursachen, Diskriminierung der Geschlechter und Minderheiten, sowie Themengebiete wie die Rente nicht ausreichend berücksichtigt. 


[1]https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Verdienste/FAQ/gender-pay-gap.html

[2]Margareta Kreimer: Ökonomie der Geschlechterdifferenz. Zur Persistenz von Gender Gaps, Springer

[3]https://web.archive.org/web/20121115042251/https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2010/10/PD10_384_621.html

[4]Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut

[5]https://www.bmfsfj.de/doku/Publikationen/genderreport/root.html

[6] Mythen und Fakten zum Gender Pay Gap. Eine Analyse für Deutschland und Bayern. Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft

[7]https://www.br.de/nachrichten/wirtschaft/equal-pay-day-2019,RL3N9qb

[8]https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Qualitaet-Arbeit/Dimension-1/gender-pay-gap.html

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Abtreibung in Deutschland


Geschichte

1871 war der §218 zum ersten Mal im Strafgesetzbuch (StGB) in Deutschland vermerkt. Abtreibung wurde in dieser Zeit ohne jegliche Ausnahmen bestraft. Frauen drohte damals eine Strafe, die zwischen 6 Monaten Gefängnis und 5 Jahren im Zuchthaus variierte.

1927 nahm die Justiz zwar eine Abtreibung aus medizinischen Gründen von der Strafe aus und die Zuchthausstrafe wurde abgesetzt, jedoch gab es erstmals teils schockierende Sonderregelungen.[1]Für deutsche Frauen galt die eben genannte Regelung, der schwangere Körper der Frau sollte so vom NS Regime kontrolliert werden.[2]Der Zugang zu Verhütungsmitteln wurde deutschen Frauen erschwert. Jüdische Frauen durften ohne angegebene Gründe abtreiben.

Ab 1943 galt für eine Abtreibung, die „die Lebenskraft des deutschen Volkes fortgesetzt beeinträchtigt“ die Todesstrafe. Die Zuchthausstrafe wurde wieder eingeführt.

1950 erließ man in der DDR das Gesetz über den Mutter- und Kindschutz und die Rechte der Frau, das nach 1965 einen Schwangerschaftsabbruch neben medizinischen und embryopathischen Fällen, sowie Ausnahmefällen auch soziale Indikationen erlaubte.

Mit der 68er Bewegung und der Einführung der Anti-Baby-Pille begann Anfang der 70er Jahre eine große Debatte gegen den §218. Zum ersten Mal wurde in den darauffolgenden Jahren eine „Fristenregelung“ eingeführt.

Gesetzeslage heute

Der §218 des Strafgesetzbuches (StGB) belegt, dass Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland rechtswidrig sind. Unter den in §218a beschriebenen Umständen dürfen Schwangere straffrei abtreiben. Dazu zählen folgende Ausnahmen:

  • Die Abtreibung erfolgt innerhalb der ersten 12 Wochen. Die betroffene Frau hat sich zudem mindestens 3 Tage vor dem Schwangerschaftsabbruch bei einer staatlich anerkannten Stelle von einem Arzt/einer Ärztin beraten lassen und kann dies nachweisen.
  • Durch eine kriminologische Indikation, wie beispielsweise Vergewaltigung, kam eine Schwangerschaft zustande.
  • Sollte die Schwangere aus medizinischen Gründen gefährdet sein, kann durch Absprache mit dem zuständigen Arzt/der zuständigen Ärztin ein Schwangerschaftsabbruch bis zur 22. Woche vollzogen werden, ohne, dass sich Betroffene oder Mediziner*innen strafbar machen.[3]

§218b und c erläutern die Folgen der Durchführung eines Schwangerschaftsabbruches, welcher nicht von einem dafür berechtigten Arzt/einer dafür berechtigten Ärztin genehmigt wurde, sowohl für Betroffene als auch für Mediziner*innen.

Ein Weigerungsrecht erlaubt es zuständigen Ärzt*innen, Anästhesit*innen, Krankenpfleger*innen und weiteren in der Ausführung des Schwangerschaftsabbruchs involvierten Personen, sich nicht für die Mitwirkung an einer Abtreibung beteiligen zu müssen.

Kostenübernahme

In Deutschland werden Schwangerschaftsabbrüche prinzipiell nicht von der Krankenkasse übernommen, es sei denn, es liegt eine medizinische oder kriminologische Indikation vor.

Somit müssen die betroffenen Frauen eine Abtreibung in den meisten Fällen selbst bezahlen. Die Kosten variieren in den ersten drei Monaten zwischen 300 und 600 €.

Aktuelle Statistik

Die Anzahl der Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland ist im letzten Jahr (2017-2018) gesunken. 2018 wurden 100.986 Abtreibungen notiert, 98,2% der betroffenen Frauen können auch ein ärztliches Beratungsgespräch nachweisen.[4]

Anmerkung zum Schluss

Eigenes Unwissen und Berichte über die deutsche Gynäkologin Kristina Hänel haben mich dazu bewegt, mehr über dieses Thema zu recherchieren. Kristina Hänel informierte auf ihrer Website über den Abtreibungsprozess in ihrer Praxis und verstieß somit gegen den §219a des StGBs (Werbeverbot für Abtreibung), sollte daraufhin eine Geldstrafe bezahlen, aber kämpft nun für die Legalisierung der öffentlichen Information über den Verlauf und die Nebenwirkungen von Schwangerschaftsabbrüchen.

Auch dieser Beitrag deckt nur einen Teilbereich eines großen Themas ab.


[1]http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/201776/1975-streit-um-straffreie-abtreibung

[2]http://alex.onb.ac.at/cgi-content/alex?aid=dra&datum=1943&page=160&size=45

[3]https://www.bento.de/politik/abtreibung-in-deutschland-die-wichtigsten-fakten-a-00000000-0003-0001-0000-000002580215

[4]https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Schwangerschaftsabbrueche/Tabellen/alter.html

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Diskretion und Sicherheit – Menstruation heute


Auch heute begleitet Frauen noch ein beschämendes Gefühl beim Thema Menstruation. Vieles davon verdanken wir der Werbung, die meist von „Hygieneartikeln“ spricht und Blut in der Farbe Blau darstellt, aber auch der mangelnden Aufklärung und der Tabuisierung in der eigenen Familie und der Schule/am Arbeitsplatz.

Wie sich der versteckte und schambehaftete Umgang mit der Menstruation entwickelt hat, wurde bereits in meinem ersten Artikel dazu erklärt, indem besonders auf die Kulturgeschichte, religiöse Hintergründe und die Mythen, die sich teilweise bis heute noch erhalten, eingegangen wurde.

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Die meisten Tampon/Binden-Werbungen zeigen glückliche, energiebeladene Frauen, die in einer weißen Hose durch den Raum hüpfen und von 100%igem Schutz sprechen. Schutz wovor? Als wäre der Blutfluss etwas, das wir per se kontrollieren könnten.

So oft wird von Sicherheit gesprochen, von guter Laune. Bilder von Frauen mit reiner Haut, die sich in engen Jeans wohlfühlen – wenig ist so fern der Realität wie das, in den meisten Fällen. Alle Menschen mit einem weiblichen Geschlechtsorgan können es bestätigen, die Schmerzen sind teilweise kaum auszuhalten.

In Werbespots wird uns also unterschwellig suggeriert, dass wir mit Binden und Tampons sauber und geschützt sind, ohne nicht. Sie unterstützen die Annahme, die Periode sei ekelhaft, unhygienisch und peinlich. 

Aufklärung

Die Verschwiegenheit der Periode beginnt meist jedoch im eigenen Haushalt. Müttern fällt es schwer mit ihren Töchtern offen darüber zu sprechen, vor Vätern und Männern im Allgemeinen wird das Thema ohnehin verschwiegen und, wenn junge Mädchen zum ersten Mal die Regelblutung bekommen, werden sie bemitleidet. So zumindest im europäischen Raum.

Auch in der Schule wird wenig darüber gesprochen und wenn, dann meist erst in der 10. Klasse im Zuge des Aufklärungsunterrichts (was definitiv auch sehr viel zu spät ist) und selbst dann ist es nach wie vor hauptsächlich „Frauensache“. Am Arbeitsplatz werden Tampons, die in schönen kleinen Dosen verpackt sind, ähnlich wie beim Drogendealen, nur still und heimlich unter dem Tisch weitergereicht und mit einem unangenehm berührten Gesichtsausdruck entgegengenommen.

Menstruationsrituale

In anderen Kulturen wird ein Fest für die Menarche, das erste Auftreten der Regelblutung, veranstaltet. Japanische Mädchen werden von ihrer Familie beschenkt und beglückwünscht. Ein besonderes Reisgericht, welches nur an Festtagen auf den Tisch kommt, ist ein Zeichen für Freude und Fruchtbarkeit und wird an diesem Tag angerichtet – die Menstruation war dort lange Zeit ein heiliges Zeichen, keine Verdammung.

Auch in Neuguinea, bei nordamerikanischen Indianer*innen und bei Yurok-Indianer*innen wird die erste Regelblutung gefeiert.[1]

Anmerkung zum Schluss

Ein etwas anderer Beitrag, weil das Thema sehr bewegend ist und es dazu leider wenig Fachliteratur gibt. Dennoch interessant, wenn man mal seine Einstellung zur Menstruation hinterfragt und sie in der eigenen Familie offen anspricht. 


[1]Ausserer, Caroline (2003): Menstruation und weibliche Initiationsriten, Frankfurt/Main

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Die Tabuisierung der Menstruation


Warum ist alles rund um die monatliche Regelblutung so schambehaftet? Welche Mythen haben dazu geführt, dass es der Gesellschaft schwer fällt, offen darüber zu sprechen? Hier ein kleiner Einblick in die Geschichte und die daraus entstehende Tabuisierung der Menstruation. 

Worin unterscheidet sich eigentlich Nasenblut und das Blut menstruierender Frauen? Was die meisten bezeugen würden ist, dass Nasenbluten gesellschaftlich toleriert wird, öffentlich zu menstruieren nicht. Das eine ist meist ein Zeichen einer körperlichen oder mentalen Dysfunktion, das andere steht für die Gesundheit einer Frau und eine natürliche Funktion des Körpers.

Blut an sich wird meist mit Kampfgeist und Stärke in Verbindung gebracht – warum dann nicht auch die Regelblutung?

Kulturgeschichte

In der Antike galt die Menstruation als Reinigungsprozess, da Frauen zu viele Nährstoffe oder Blut in ihrem Körper hätten, die ausgeschieden werden müssten. Dadurch, dass damals fast ausschließlich Männer wissenschaftlich forschten, wurde die Frau teilweise als unvollständiger Mann angesehen.[1]Aristoteles, Pythagoras und Hippokrates werteten die Regelblutung als etwas Unvollständiges, Unreines ab.[2]

Hildegard von Bingen beschrieb die monatliche Blutung im Mittelalter als eine Folge des Sündenfalls. In der Renaissance wurde sie zum ersten Mal auf ihre Giftigkeit untersucht. Erst 1958 gab es die ersten Studien, die diese Annahme widerlegten.

Im 17. Und 18. Jahrhundert, in der Zeit der Aufklärung, wurden der Frau Natur, Aberglaube, Tradition und Körperlichkeit zugeordnet, dem Mann hingegen Kultur, Wissenschaft, Fortschritt und abstraktes Denken.[3]

Im Laufe des 19. Jahrhunderts, mit der Verbreitung des Sozialdarwinismus, rückte der weiße Mann an die Spitze der menschlichen Hierarchie. Die Evolutionstheorie war ausschlagend dafür, dass die Frau mehr als je zu vor als ein anderes Wesen angesehen wurde. Außerdem kam es zur Degradierung der Menstruation auf einen Leidenszustand und ein notwendiges Übel . Ärzte (bewusst nicht gegendert) vermuteten, dass es sich bei der Monatsblutung um eine nicht ausgelebte Schwangerschaft handelte.[4]

Bis ins 20. Jahrhundert wurde der weiblichen Periode nachgesagt, sie würde zum (Lebensmittel-) Verderben beitragen und sie sei deshalb giftig. Der Wiener Arzt Béla Schick beobachtete einst, dass die Blumen, die seine Haushälterin in eine Vase gestellt hatte, schnell verwelkten. Er erfuhr, dass sie zu dieser Zeit die Menstruation hatte und schloss demnach daraus, dass ihr Blut das Menstruationsgift Menotoxin enthalten würde. Es wurde also angenommen, dass Menstruationsblut toxisch sei – und das wirkt bis heute noch nach.

Judentum und Christentum

Im Juden- und Christentum galt die Menstruation meist als eine Unreinheit. Jüdische Frauen waren demnach 7-14 Tage im Monat unrein, so im 3. Buch Mose, Kapitel 15, beschrieben. Schlief ein Mann in diesen Tagen mit einer Frau, wurde auch er mit Unreinheit bestraft. Übertrat ein Paar bewusst dieses Gesetz, mussten sie vom Volk ausgestoßen werden und sterben. Frauen schloss man in dieser Zeit auch von allen rituellen Handlungen aus, sie durften dem Rabbi nicht mehr die Hand reichen und mussten sich nach jeder Monatsblutung einer Reinigung unterziehen, damit sie Synagoge und Tempel wieder besuchen durften. 

Im Christentum stand körperliche Förmlichkeit zunächst an erster Stelle, bis man sich, vermutlich auch durch den Einfluss des Judentums, dazu entschloss, Frauen einen gesellschaftlichen, stark untergeordneten Stellenwert zu geben. Ihnen hat man alle höher gestellten kirchlichen Dienstleistungen verboten, da sie während der Zeit der Menstruation als unrein und somit ungeeignet für gehobene Positionen am Altar angesehen wurden.[5]Im Mittelalter bekam Sexualität im Allgemeinen, und somit auch die Periode der Frau, immer mehr den Charakter einer Sünde. Mönche sahen darin unter anderem eine Strafe Gottes für den Sündenfall von Eva. Die Mutter Gottes wurde davon ausgenommen – Theologen erklärten sich diese Theorie damit, dass sie nie menstruiert habe.[6]

Aber- und Volksglaube

Bis heute erhält sich der Mythos, dass das Menstruationsblut eine schädliche Wirkung auf äußere Faktoren, Lebendes und Materielles hat.

Die Frau wurde immer mehr in Verbundenheit mit der Erde gebracht. Sie waren beide verletzlich und gefährlich. Die Menstruation assoziierte man mit den Mondphasen. 

Jede Berührung einer menstruierenden Frau würde Wein und Most sauer machen, Bier umschlagen, Pflanzen verdorren und Milch gerinnen lassen. Die Hexenjagd leitete sich genau aus diesen (und noch vielen anderen) abergläubischen Annahmen ab.

Anmerkung zum Schluss

Das Thema der Tabuisierung der Menstruation ist sehr umfassend. In dem Artikel wurden lange nicht alle religiösen und kulturellen Hintergründe und Mythen berücksichtigt. Er soll lediglich einen Einblick in die Materie geben und der Enttabuisierung der Menstruation dienen, indem er die Mythen und geschichtliche Ereignisse anführt und hinterfragt. In einem weiteren Artikel werde ich näher auf den heutigen kapitalistischen und nach wie vor gesellschaftlich unkomfortablen Umgang mit der Menstruation eingehen. 


[1]Caroline Ausserer: Menstruation und weibliche Initiationsriten. Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main 2003

[2]Judith Schlehe: Das Blut der fremden Frauen. Campus, Frankfurt am Main / New York 1987

[3]Caroline Ausserer: Menstruation und weibliche Initiationsriten. Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main 2003

[4]Judith Schlehe: Das Blut der fremden Frauen. Campus, Frankfurt am Main / New York 1987

[5]Judith Schlehe: Das Blut der fremden Frauen. Campus, Frankfurt am Main / New York 1987

[6]Caroline Ausserer: Menstruation und weibliche Initiationsriten. Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main 2003

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Lange Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz


Therapieformen in Deutschland

Die am 02. April 2017 veröffentlichten Psychotherapie-Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) sollten unter anderem einer Verkürzung der langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz bei einem Psychotherapeuten/einer Psychotherapeutin in Deutschland dienen. Die Reform sieht daher vor, zunächst eine Sprechstunde zur „Ersteinschätzung“ zu vereinbaren, welche über weitere Therapieeinheiten und deren Intensität entscheiden soll. Die Kurzzeittherapie dient hierbei als mögliche therapeutische Akutbehandlung mit maximal 12 Therapieeinheiten im Jahr, darauffolgend kann eine Langzeittherapie beantragt werden. Diese erfordert weitere Formalitäten, wie zum Beispiel ein körperliches Gutachten des Hausarztes/der Hausärztin. [1]

Das Bundesministerium für deutsche Gesundheit erfasste zwei Jahre nach Veröffentlichung der neuen Psychotherapie Richtlinien eine durchschnittliche Wartezeit von 20 Wochen auf einen Termin in einer Psychotherapie-Praxis. Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) möchte seit einiger Zeit demnach eine bessere Zusammenarbeit von Hausärzt*innen, Psychotherapeut*innen, Suchtberatungsstellen und Familiendiensten anstreben.[2]

Studienlage

Die Bundes-Psychotherapeuten-Kammer (BPtK) und das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) untersuchten in einer Online Befragung die entstehenden Wartezeiten deutschlandweit ein Jahr nach der Einführung der Psychotherapie-Richtlinien, zwischen 6. November und 10. Dezember 2017. 9.423 Psychotherapeut*innen nahmen an dieser Befragung teil, der Altersdurchschnitt lag bei 53,4 (+-10,2) Jahren.[3]Die Studie ergab eine durchschnittliche Wartezeit von 5,7 Wochen auf eine Sprechstunde und eine darauffolgende Wartezeit von 3,7 Wochen auf den Beginn einer Akutbehandlung. Eine Richtlinienpsychotherapie, wie sie vom Gemeinsamen Bundesauschuss 2017 beschlossen wurde, beansprucht in Deutschland im Schnitt eine 19,9 Wochen-lange Wartezeit. Daraus schließend wurde festgestellt, dass die Wartezeiten noch erheblich zu lange sind und deutliche Unterschiede in der Anzahl und Verfügbarkeit der Psychotherapeut*innen in Großstädten und ländlichen Regionen, sowie in Großstädten des Ruhrgebiets bestehen. Um Wartezeiten zu verkürzen, wären rund 7.000 neue Praxissitze erforderlich. Terminservicestellen dienen zusätzlich als mögliche Anlaufstellen bei zu langen Wartezeiten, sodass Sprechstunden über Dritte schneller beantragt werden können. Seit 2018 sind diese Terminservicestellen auch für kassenärztliche Vereinigungen dringender Richtlinien Psychotherapie verantwortlich.[4]

Bezogen auf die Versorgungsumverteilung auf Stadt und Land, stellt die Bedarfsplanung zudem falsche Annahmen dar. Derzeit werden 36 Psychotherapeut*innen pro 100.000 Einwohner*innen in deutschen Großstädten und zwischen 12 und 18 Psychotherapeut*innen pro 100.000 Einwohner*innen in ländlichen Regionen gezählt.[5]

Laut Studien des Robert-Koch-Institutes unterscheidet sich die Häufigkeit der psychisch erkrankten Personen in Großstädten jedoch kaum von der in ländlichen Regionen.[6]

Die Bundes-Psychotherapeuten-Kammer Deutschland fordert aufgrund der oben genannten Fakten eine weitere Überarbeitung der Psychotherapie Richtlinie des G-BAs.[7]

Anmerkung zum Schluss

Zu lange Wartezeiten auf einen Therapieplatz können zu einer vorläufigen Chronifizierung einer psychischen Erkrankung führen. Die vorliegenden Ergebnisse beziehen sich ausschließlich auf die Wartezeiten bei Psychotherapeut*innen mit kassenärztlichen Verträgen in Deutschland. Privatpatient*innen und Selbstzahler*innen können durchschnittlich mit kürzeren Wartezeiten rechnen.


[1]Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA), 2018

[2]Bundesministerium für deutsche Gesundheit, 2019

[3]Bundes-Psychotherapeuten-Kammer (BPtK), 2018, S.37

[4]BPtK, 2018, S.3

[5]BPtK, 2018, S.20

[6]Wittchen & Jacobi, 2001; Jacobi et al., 2014

[7]BPtK, 2018, S.30

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Mobbing am Arbeitsplatz


Begriffserklärung

Mobbing unterscheidet sich von anderen Konflikten, indem es durch ein wiederholtes und regelmäßiges Schikanieren, Quälen und Verletzen eines einzelnen Menschen durch eine beliebige Art von Gruppe gekennzeichnet ist.[1]Ziel ist es, eine Person zu isolieren, zu schwächen oder auszugrenzen.

Mobbing am Arbeitsplatz kann auf unterschiedlichen Hierarchieebenen stattfinden: werden Arbeitnehmer*innen von ihren Vorgesetzten gemobbt, spricht man von „Bossing“, mobben hingegen Beschäftigte ihre Arbeitgeber*innen, ist die Rede von „Staffing“. Neben diesen beiden Begriffen existiert zudem das horizontale Mobbing, welches bedeutet, dass Personen von hierarchisch gleichgestellten Kolleg*innen gemobbt werden.

Ursachen

Betriebshierarchien, mangelnde Arbeitsgestaltung- oder organisation, unklare Kompetenzverteilung, Unter- oder Überforderung der Arbeitnehmer*innen, wirtschaftliche Probleme eines Unternehmens, aber auch Konkurrenzdruck, Neid von Kolleg*innen und auch eine schwache Führung schaffen ungünstige Rahmenbedingungen, welche ein Arbeitsklima hervorrufen, das Mobbinghandlungen begünstigt.[2]

Forschung

Heinz Leymann stellte in einer Interviewstudie (n=300) eine Anzahl von 45 verschieden Mobbinghandlungen fest.[3]Beispiele dafür können Straining, soziale Isolierung, verbale Gewalt oder Angriffe auf die Person und ihre Privatsphäre, sowie körperliche Übergriffe und Gerüchte sein. Gemessen wurden diese Studien anhand unterschiedlicher Fragebögen.[4]

In Deutschland liegt die momentane Zahl der von Mobbing betroffenen Menschen bei rund 1.000.000 Erwerbstätigen. Die meisten davon sind Personen, welche von ihren Kolleg*innen gemobbt werden, gefolgt von Vorgesetzten, die unter Mobbing leiden.

Folgen

Sowohl die berufliche, als auch die private Situation der Betroffenen kann durch Mobbinghandlungen gefährdet sein. Verunsicherung, Demotivation, sozialer Rückzug, Nervosität, Angstzustände und Konzentrationsschwäche können mögliche negative Auswirkungen im Beruf sein.

Im Privatleben kämpfen diese Personen häufig mit Selbstzweifel/Selbsthass, teilweise mit finanziellen Problemen und Antriebslosigkeit, Schlafstörungen, sowie nicht selten mit Depressionen. Einzelfälle führen zu suizidalen Gedanken und folglich deren Ausführung.

Neben psychischen Einschränkungen steigt das allgemeine Erkrankungspotential. 43,9% der Betroffenen melden sich krank, die Hälfte davon länger als sechs Wochen.[5]

Prävention und Intervention

Für Mobbingopfer ist oft die eigene Kündigung der einzige Ausweg. Arbeitgeber*innen tragen jedoch eine gewisse Verantwortung für ihre Angestellten. Arbeitsplätze sind so zu gestalten, dass die Gesundheit und das Leben, sowie die Integrität und Würde der Arbeitnehmer*innen geschützt wird.[6]

Wenn diese Faktoren jedoch durch Mobbinghandlungen gefährdet werden, sollten Gespräche mit Dritten, wie Mediator*innen oder Coaches, schnellstmöglich stattfinden.

Anmerkung zum Schluss

Mobbing muss nicht immer verbal oder körperlich sein. Blicke und Gelächter reichen oft aus, um ein Unwohlsein in einer Person hervorzurufen. Jemand zu mobben ist mitunter ein Ausdruck der eigenen Verunsicherung oder Verletzung. Diesem Gefühl nachzugehen, es sich vor Augen zu halten und gezielt auf die Menschen zuzugehen, die in diesem Geschehen involviert waren/sind und ein klärendes Gespräch einzufordern, könnte Mobbingsituationen deren Folgen verhindern.


[1]Ursula Kraif (Red.): Duden. Das Fremdwörterbuch. 9. Auflage. Dudenverlag, Mannheim 2007, S.667

[2]https://www.arbeiterkammer.at/beratung/arbeitundrecht/Arbeitsklima/Mobbing.html

[3] Heinz Leymann: Handanleitung für den LIPT-Fragebogen. Leymann Inventory of Psychological Terror. Dgtv, Tübingen 1996

[4]Dieter Zapf. Mobbing – eine extreme Form sozialer Belastung in Organisationen. In: Psychologie der Arbeitssicherheit

[5]Bärbel Meschkutat, Martina Stackelbeck, Georg Langenhoff: Der Mobbing-Report – Repräsentativstudie für die Bundesrepublik Deutschland (PDF; 614 KB). Wirtschaftsverlag NW, Dortmund 2002

[6]https://www.arbeiterkammer.at/beratung/arbeitundrecht/Arbeitsklima/Mobbing.html

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Gewalt gegen Frauen in Deutschland


Vielleicht ein Extrem, mit dem ich die Umstrukturierung dieser Website starte, aber mitunter ein Thema das so unfassbar grausam ist und zur selben Zeit nicht oft genug angesprochen werden kann. Inspiriert durch unseren Femember – Adventskalender beschreibt dieser Beitrag nochmal ausführlicher die aktuelle Situation bezüglich Gewalt gegen Frauen in Deutschland.

Gewalt gegen Frauen beinhaltet natürlich mehrere Formen und kann nicht als eine einzige Kategorie abgetan werden. Ich möchte die Notwendigkeit dessen hervorheben, genau solche Themen in die Öffentlichkeit zu tragen.

Vorab: da sich die Tätergruppe hier hauptsächlich auf Männer oder Menschen, die sich als männlich lesen konzentriert, habe ich mich in diesem Beitrag ausnahmsweise gegen eine gendergerechte Schreibweise entschieden. Ich möchte damit jedoch nicht ausschließen, dass ebenso Gewalt an Männern, unter anderem auch durch Frauen, ausgeübt wird. 

Kategorisierung

Unterschieden werden folgende Formen der Gewalt: häusliche Gewalt, sexualisierte Gewalt (mitunter (versuchte) Vergewaltigung), Mitgiftmorde, Ehrenmord, Zwangsheirat, Gewalt bei der Geburt, Femizid, Stalking, Mobbing, Menschenhandel oder Zwangsprostitution, weibliche Genitalverstümmelung, Säureattentate, Steinigung, sowie die Diskriminierung von Witwen. Gewalt gegen Mädchen wird nochmal eigens kategorisiert. [1]

Fakten

2015 wurden über 100.000 Frauen Opfer von Gewalt innerhalb einer Partnerschaft in Deutschland. Das Bundeskriminalamt in Deutschland (BKA) erfasste davon 335 Fälle mit vollendetem oder versuchtem Mord durch den Partner oder den ehemaligen Partner.[2]

2004 erschien die erste Prävalenzstudie zu Gewalterfahrungen in Deutschland lebender Frauen. Für diese Studie wurden 10.000 Frauen im Alter von 16-85 Jahren zu ihren Erfahrungen mit Gewalt befragt. „Mindestens jede vierte in Deutschland lebende Frau hat schon einmal körperliche oder sexuelle Gewalt durch einen Beziehungspartner erlebt“, sagen Ursula Müller und Monika Schröttle in ihrer Studie zur Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Überwiegend wurden diese Gewalttaten in häuslichen Bereichen ausgeführt. Über die Hälfte der Betroffenen erlitt körperliche Verletzungen, ein Drittel musste medizinisch versorgt werden. Nicht selten waren Kinder in Gewaltszenarien involviert.

Zudem wurde festgestellt, dass besonders Frauen in Scheidungs- oder Trennungssituationen gefährdet sind.

Unterdrückung und weitere Formen der psychischen Gewalt

Betroffene Frauen erleiden folglich meist physische und/oder psychische Beeinträchtigungen. Dabei muss die Gewaltausübung keine körperliche Verletzung beinhalten. Häufig sind Einschüchterungen, Drohungen oder anzügliche Sprüche, Witze oder Beleidigungen in frauenfeindlicher Sprache ausreichend dafür, dass sich Frauen unter Druck gesetzt fühlen.

Oben beschriebene Gewaltszenarien kommen in verschiedenen sozialen Schichten vor und sind nicht von unterschiedlichen Bildungsgraden oder kulturellen Hintergründen geprägt. 

Anmerkung zum Schluss

Jede Frau kann Betroffene von Gewalt sein. Bereits die Tatsache, dass sich Frauen dazu gezwungen fühlen, aus Angst die Straßenseite zu wechseln, ist eine Form der Gewalt. Abschätzig über Frauen zu sprechen oder sie zu objektifizieren, kann zu Unsicherheit und nicht selten zu Depressionen führen. Übergriffigkeit ist nicht zu verharmlosen.

Hilfe

wird teilweise angeboten, jedoch nicht ausreichend verbreitet. Anbei die Telefonnummer der Organisation Hilfetelefon, welche Betroffenen in Deutschland als Unterstützung dienen soll: +49 8000116016

Nehmt es ernst.


[1]https://www.frauenrechte.de/index.php/themen-und-aktionen/haeusliche-und-sexualisierte-gewalt/262-lieber-ohne-gewalt/1207

[2]BKA: Partnerschaftsgewalt – Kriminalstatistische Auswertung – Berichtsjahr 2017, S. 28