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Arbeiten in Burkina Faso – #WallsAgainstWalls für eine neue Perspektive?

„Arbeiten in Burkina Faso“ 

Laut dem statistischen Bundesamt von Deutschland sind in Burkina Faso 61,3 % der über 15 Jährigen berufstätig, 87,1 % davon sind selbstständig erwerbstätig (2019). Seit 2000 ist die Erwerbstätigkeit jedoch gesunken. Die Erwerbslosenquote, insbesondere die Jugenderwerbslosenquote ist demnach in den letzten Jahren angestiegen. Die Hauptarbeitssektoren in Burkina Faso stellen die Edelmetall- und Schmuckindustrie und die Land- und Forstwirtschaft dar. Seit mehreren Jahren hat die landwirtschaftliche Produktion stark zugenommen, vor allem durch die Zusammenarbeit mit diversen Handelspartner*innen. 2019 wurden insgesamt Warenexporte nach Deutschland im Wert von 13,1 Mill. USD festgehalten.

Deutschland und Burkina Faso vereinbarten in den Regierungsverhandlungen zur Entwicklungszusammenarbeit in Ouagadougou 2017 drei thematische Schwerpunkte: Landwirtschaft, Dezentralisierung und Wasser- und Sanitärversorgung. Zudem kooperieren die beiden Länder in den Bereichen Good Governance (soll eine „gute finanzielle Regierungsführung“ unterstützen), Kinder- und Jugendrechte, sowie Grenzmanagement (Näheres dazu findet ihr hier). Dennoch gehört Burkina Faso zu einem der ärmsten Länder der Welt. Das BIP pro Kopf lag 2020 in Burkina Faso bei 790,97 US-Dollar, wodurch es auf der Weltrangliste auf der 175. Platz von 193 fällt.

Insgesamt ist die wirtschaftliche und politische Lage in Burkina Faso nach wie vor prekär. Neben einem instabilen Gesundheitssystem haben Menschen, die im Norden von Burkina Faso leben auch immer wieder mit terroristischen Anschlägen zu kämpfen. Auch  die Lage für Geflüchtete bspw. aus dem Nachbarland Mali ist schwierig, denn viele Betroffene leben in Geflüchteten-Camps am Existenzminimum. 

Im Süden Burkina Fasos, wo die größeren Städte liegen, ist es zwar weniger durch Terrorismus bedroht, Raubüberfälle sind hingegen an der Tagesordnung. Auch wenn der Staat versucht, Sicherheit in den einzelnen Regionen zu schaffen, fehlen ihm die nötigen Mittel, um dies in verschiedenen Regionen zu garantieren. Die Lage ist ernst. Dennoch trägt wohl vor allem die Berichterstattung zum Bild von Burkina Faso in unseren Köpfen bei. Wenn über das Land berichtet wird, so oft über negative Ereignisse, welche oft sehr einseitig gezeichnet sind. In einem Interview mit Burkinabé Ousseni Porgo spricht er darüber, wie die Medien das Bild von Burkina Faso in der Welt und unseren Köpfen prägen. Der 40-jährige Vater dreier Kinder arbeitet für gebana Burkina Faso. Dort ist er Leiter Agronomie und Einkauf. (Gesamtes Interview: Link).  

gebana & Burkina Faso

Vor 20 Jahren startete gebana mit einer kleinen Produktionsstätte in Burkina Faso. 

gebana Afrique, eine Tochterfirma von gebana die 2006 gegründet wurde, verschuldet sich leider in den darauffolgenden Jahren aus unterschiedlichen Gründen (mehr dazu findet ihr hier. Nach einer Umstrukturierung und Neugründung heißt die Tochtergesellschaft nun gebana Burkina Faso. Heute werden in der Fabrik in Bobo-Dioulasso jährlich 660 Tonnen Bio Mangos und 300 Tonnen Bio-Cashews von Mitarbeitenden verarbeitet. Die Ware stammt von den umliegenden Bauernfamilien, die dezentral verteilt sind und oft nur wenige Hektar oder gar Mango-Bäume in ihrem Garten haben.

(Video: Mangoernte in Burkina Faso: https://www.youtube.com/watch?v=Fr3AWgahXRY)  

Wer ist gebana?

gebana, das steht für „gerechte Banane“ und eine Firma, die aus einer Frauen-Bewegung in den 70ern entstanden ist. Die Schweizer Frauen setzten sich ihrerzeit für einen faireren Umgang mit und vor allem einer faireren Bezahlung der Bauernfamilien in Nicaragua ein. Heute tut gebana genau dies und zwar „Weltweit Ab Hof“. Das bezieht sich auch auf eine Besonderheit der Firma, die sich zum Ziel gesetzt hat, den fairen Handel weiterzuentwickeln: Saisonalität geht vor Regionalität! Und damit schwimmen sie einmal mehr eher gegen als mit dem Mainstream.

Im Sortiment von gebana lässt sich alles von verschiedenen Nüssen oder Trockenfrüchten bis hin zu tropischem Obst, Kaffee oder Nudeln uvm. finden. Und so gibt es auch mal Avocados oder Mangos, deren Image in der nachhaltigen Szene in den letzten Jahren sehr gelitten hat. Soviel zur Definition des „Weltweit“. Und „Ab Hof“? – Nun ja, dieses bedeutet: Es gibt nicht immer alles, aber alles zur rechten Zeit.

Um zusätzliche Transportwege und Verpackungsmaterialien zu sparen, verschickt gebana Produkte in Großpackungen – dies bietet zudem die Möglichkeit, diverse Bestellungen mit den Liebsten zu teilen. Der Nachhaltigkeitsaspekt bezieht sich neben sozialen und ökonomischen Faktoren auch auf ökologische.

Wo bspw. Cashewnüsse normalerweise zur weiteren Verarbeitung nach Asien transportiert werden, um rein wirtschaftliche Vorteile daraus zu ziehen, setzt gebana auf die lokale Wertschöpfung. Somit können weitere Arbeitsplätze vor Ort geschaffen und nebenbei die CO2 Emissionen enorm reduziert werden. Außerdem kann von dem Know-How der Arbeitenden vor Ort profitiert werden, was es auch gleichzeitig steigert und wiederum mehr Wertschöpfungspotenzial generiert. 

Interview mit gebana 

  • Was macht die gebana aus?

Das Konzept der gebana sieht vor, mit den Produktionsstätten vor Ort Firmen aufzubauen, die langfristig eigenständig bestehen können. D.h. zu Beginn sind die Produktionsstätten 100%-Tochtergesellschaften der gebana AG (Sitz in der Schweiz) wie bspw. gebana Togo oder eben gebana Burkina Faso. Möglich ist aber auch, dass wir uns an bereits bestehenden Firmen im globalen Süden beteiligen, die eine ähnliche Vision wie die gebana verfolgen, wie bspw. seinerzeit gebana Maghreb, welches nun das eigenständige Unternehmen „South Organic“ ist. 


Bei gebana gibt es ein sogenanntes „Development-Team“, welches die Umsetzung unserer fokussierten Nachhaltigkeitsstrategie koordiniert. In Zusammenarbeit mit den Tochterfirmen erfolgt die Implementierung schrittweise und Land für Land. Den Start machte seinerzeit Burkina Faso. 

  • Der Nachhaltigkeitsaspekt spielt bei gebana eine große Rolle. Worin unterscheidet sich euer Ansatz von anderen Firmen?

Unser Kerngeschäft ist der Aufbau von Firmen im Süden. Was uns aber wohl am meisten unterscheidet ist das Konzept des Teilens. So erhalten alle Mitarbeitenden weltweit (und nicht nur die Managementebene) ihren Anteil am Firmen-Gewinn. Und das betrifft natürlich überproportional viele Menschen im globalen Süden, die in den weiterverarbeitenden Fabriken angestellt sind. Unser Business-Modell wird auch dahingehend umgesetzt, dass 2019 erstmalig auch Bauernfamilien weltweit am Umsatz beteiligt wurden. Allein in 2020 wurden 900‘000€ an sie ausgezahlt. Das Konzept des Teilens, aber auch auf diese Art Firmen aufzubauen, die langfristig selbstständig bestehen können, ist unser Weg Handel fairer zu machen. Aber der Weg ist steinig: Wir haben uns mit dieser riskanten Weise zu investieren auch schon oft die Finger verbrannt. 

Ray und Carolin vom gebana Marketing Team © gebana, Photo: Ilvio Gallo

  • gebana lässt in Burkina Faso vor allem Cashews und Mangos verarbeiten. Wie sieht der Arbeitsalltag in einer Produktionsstätte für die Verarbeitung von Cashews und Mangos aus? 

Zu unterscheiden sind dabei die Arbeit mit den Bauernfamilien und die Weiterverarbeitung in der Fabrik. Die Arbeit der gebana Burkina Faso beginnt im Grunde bereits auf den Feldern. Dort werden nämlich sog. „Field Agents“ eingesetzt, die den Bauernfamilien beim Anbau und der Ernte beratend zur Seite stehen. Die Ware wird dann von Kollekteur:innen eingesammelt und entweder zur Weiterverarbeitung in die Produktionsstätte gebracht – so die Cashews – oder teilweise direkt als frische Ware exportiert – wie bspw. die Mangos. Auch die Mangos werden natürlich teilweise weiterverarbeitet, also geschält, geschnitten, getrocknet. Der Cashewkern wird vom Cashewapfel getrennt, erhitzt, geknackt, gepeelt usw. Für alle Aufgaben gibt es Bereiche. Alleine das Sortieren der Cashew-Kategorien in Klasse 1 bis hin zum Cashew-Mehl umfasst gut 40 Frauen.

In diesem Video hier erzählt Abteilungsleiter Severin Soma von den Herausforderungen aus seinem Alltag: https://youtu.be/dV6K7Gc0ceU[CS1] 

  • Ein guter Punkt ist die Anstellung von Frauen: In Burkina Faso hat die durchschnittliche Frau 5,1 Kinder (Stand 2019, Worldbank Data). Wie läuft es während der Arbeitszeit eigentlich mit der Kinderbetreuung?

Das ist ein guter Punkt! Bis 2016 war dies tatsächlich ein Problem. Im Alter von 6 Jahren kommen die Kinder in Burkina Faso in die Schule, vorausgesetzt die Familien kann sich das Schulgeld leisten. Bis dahin übernimmt die Betreuung üblicherweise die Mutter. Da viele Frauen in dieser Zeit aber dennoch arbeiten gehen (müssen), warteten auf dem Vorplatz der Cashewfabrik oft mehrere Dutzend Kinder. Sie waren unbeaufsichtigt und mussten ihrerseits teilweise auf ihre kleineren Geschwister aufpassen. Das musste sich ändern! Ein Kindergarten mit zwei Betreuerinnen war die Lösung. 

Nur ein Jahr später waren bereits vier Betreuerinnen angestellt, die während der Erntesaison täglich etwa 70 Kinder hüten, davon sogar 15 Säuglinge. Das Angebot wurde also sehr gut angenommen.

  • Im Frühjahr 2022 soll in Burkina Faso eine neue Fabrik für die Verarbeitung von Cashews und Mangos gebaut werden. Warum eine komplett neue Fabrik?

Unsere Produktionsmengen nehmen seit Jahren konstant zu, unsere Gebäude platzen aus allen Nähten. Es ist also der nächste logische Schritt! Mit einer neuen Fabrik sind wir nicht nur in der Lage mit noch mehr Bauernfamilien langfristig zusammenzuarbeiten, sondern können zudem 1000 nachgelagerte Arbeitsplätze schaffen – eine riesige Chance für die Region.

  • Auf der Website von gebana schreibt ihr, dass es riskant sei, in Burkina Faso zu investieren. Warum ist das so?

Große Geldgeber*innen handeln meist nach der Maxime: minimales Risiko, maximaler Gewinn. Burkina Faso ist ein Land, das geprägt ist von terroristischen Anschlägen und einer schlechten Infrastruktur. Genau darum werden Investitionen aber dort dringend gebraucht. Natürlich ist es ein riskantes Investment, wie die turbulente Geschichte der gebana Afrique zeigt: Schlechte Mangoernten und eine rasante Preiseentwicklung am Cashew-Weltmarkt brachten uns 2017 in eine schwere Schieflage. Doch der Aufbau nachhaltiger Wertschöpfungsketten für die lokale Verarbeitung schafft dringend benötigte Arbeitsplätze und sorgt dafür, dass Geld im Land bleibt anstatt ins Ausland zu fließen.

  • Das „Walls Against Walls“ Projekt bezieht unter anderem lokale Künstler*innen bei der kreativen Gestaltung der Mauer, die um die neue Fabrik gebaut werden soll, mit ein. gebana und Kunst – wie geht das zusammen? 

Burkina Faso hat eine unglaublich vielfältige Kunst- und Kulturszene! Diese sollte international mehr Visibilität bekommen. Darum haben wir uns entschieden Kunstschaffende aus Burkina Faso mit der Bemalung der Fabrikmauer zu beauftragen. Am Ende soll ein Poster von der bemalten Wand entstehen. 

  • Das „Walls Against Walls“ Projekt ist ein Crowdfunding Projekt. Wie können Unterstützer*innen spenden und wo lassen sich Informationen zu dem Projekt online finden?

Auf unserer Website www.gebana.com/waw gibt’s alle Infos über das Projekt und die Möglichkeit, das Crowdfungind für den Fabrikbau mit einer Spende zu unterstützen. Als Dankeschön erhält man dann unter anderem das Poster von der bemalten Fabrikmauer.


Walls Against Walls

Mit dem Aufbau einer neuen Produktionsstätte in Burkina Faso möchte gebana 1000 weitere Arbeitsplätze schaffen und noch mehr Bauernfamilien nachhaltige Einkommensperspektiven ermöglichen. Dafür benötigt die Firma finanzielle Unterstützung, die sie nun mit dem Crowdfunding Projekt „Walls Against Walls“ organisieren möchte. 

Durch die immer größer werdende Nachfrage nach Cashews und Mangos stößt die bislang bestehende Fabrik in Bobo-Dioulasso nun an ihre Kapazitätsgrenzen. Aufgrund der wirtschaftlichen und politischen Situation vor Ort ist es zwar risikoreich in Burkina Faso zu investieren, dennoch hat sich gebana dafür entschieden und baut nun eine größere Fabrik mit mehr Produktionskapazität.

Gemeinsam mit Künstler*innen soll „Walls Against Walls“ auch ein kreatives Projekt werden. Dabei haben einerseits diverse Kunstschaffende eines ihrer Kunstwerke gebana zur Verfügung gestellt, um finanzielle Unterstützer*innen mit Reproduktionen dieser Kunstwerke zu beschenken. Andererseits sollen aber auch Künstler*innen vor Ort unterstützt werden, indem sie die Mauern, die um die Fabrik herum gebaut werden, bemalen.

Hier findet ihr noch ein passendes Video 🙂

Das Crowdfunding Ziel beträgt insgesamt 1 Million Euro. Sofern das Risikokapital gesammelt werden kann, ist ein Baustart des Projekts für den Spätsommer 2021 geplant. 


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